Der Begriff Cocktail ist älter als die meisten Bars, in denen wir heute arbeiten. Seine Herkunft liegt im Dunkeln, doch seine erste schriftliche Definition stammt aus dem Jahr 1806. Was damals als belebender Morgentrunk mit Spirituose, Zucker, Wasser und Bitters begann, entwickelte sich über zwei Jahrhunderte zu einer globalen Trinkkultur mit Tausenden Rezepten, Techniken und Stilen.
Die erste Definition – 1806
Am 13. Mai 1806 erschien in der Zeitung The Balance and Columbian Repository aus Hudson im Bundesstaat New York eine Leserfrage: Was ist ein Cocktail? Die Redaktion antwortete, ein Cocktail sei ein stimulierendes Getränk aus Spirituose jeder Art, Zucker, Wasser und Bitters. Diese knappe Definition gilt bis heute als Geburtsurkunde des Begriffs, auch wenn gemischte Getränke natürlich älter sind. Entscheidend ist: Hier wurde erstmals festgehalten, was einen Cocktail von anderen Mischgetränken unterscheidet. Der Begriff selbst kursierte vermutlich schon einige Jahre zuvor in Tavernen und Trinkstuben, doch diese Zeile machte ihn offiziell.
Die Mischung aus Spirituose, Zucker, Wasser und Bitters beschreibt im Kern das, was wir heute Old Fashioned nennen. Der Cocktail war ursprünglich kein Partygetränk, sondern ein Morgentrunk, ein Stärkungsmittel, das vor dem Frühstück oder zu Beginn des Arbeitstags konsumiert wurde. Bitters galten als medizinisch, Zucker machte die raue Spirituose bekömmlicher, Wasser streckte den Alkohol. Was heute nach Genuss klingt, war damals schlicht funktional.
Herkunft des Wortes – Legenden und Lücken
Woher das Wort Cocktail stammt, ist bis heute ungeklärt. Es gibt Dutzende Theorien, keine davon lässt sich belegen. Eine populäre Erzählung verweist auf Hahnenschwanzfedern, die angeblich als Rührstab oder Dekoration dienten. Eine andere auf gemischte Pferderassen, sogenannte Cocktails, deren uneinheitliche Abstammung als Metapher für gemischte Getränke diente. Wieder andere vermuten einen Ursprung im französischen Wort coquetier, einem Eierbecher, in dem angeblich Mixgetränke serviert wurden. All das bleibt Spekulation.
Was sicher ist: Der Begriff tauchte um 1800 in den USA auf und bezeichnete zunächst eine bestimmte Art von Mischgetränk. Später weitete sich die Bedeutung aus und umfasste alle gemischten Drinks. Dass der Cocktail ein amerikanisches Phänomen ist, zeigt sich auch daran, dass die frühen Rezeptsammlungen fast ausschließlich aus den USA stammen.
Die goldene Ära – 1860 bis 1920
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Cocktailkultur rasant. 1862 veröffentlichte Jerry Thomas, Barkeeper in New York und San Francisco, sein Buch How to Mix Drinks. Es gilt als erstes umfassendes Barbuch und enthält Rezepte für Punches, Sours, Juleps, Cobblers und natürlich Cocktails im engeren Sinn. Thomas bereiste die USA und Europa, trat als Showman auf und prägte das Bild des professionellen Barkeepers. Sein Buch wurde mehrfach neu aufgelegt und blieb Jahrzehnte lang Standardwerk.
In dieser Zeit entstanden viele Drinks, die heute als Klassiker gelten: der Martinez, Vorläufer des Martini, der Manhattan, der Whiskey Sour. Bars wurden zu gesellschaftlichen Treffpunkten, vor allem in den wachsenden Städten der Ostküste. Die Technik verfeinerte sich, Eis wurde verfügbar, neue Spirituosen wie Vermouth kamen auf den Markt. Der Cocktail wurde zum Symbol urbaner Moderne.
Mit dem Ersten Weltkrieg und der anschließenden Prohibition in den USA ab 1920 endete diese Epoche abrupt. Viele Barkeeper emigrierten nach Europa, vor allem nach London und Paris, und trugen die amerikanische Barkultur über den Atlantik. In den USA selbst verschwand die legale Barszene für 13 Jahre.
Prohibition und Speakeasy – 1920 bis 1933
Die Prohibition verbot in den USA Herstellung, Verkauf und Transport alkoholischer Getränke. Bars schlossen, legale Destillerien stellten die Produktion ein. Doch der Durst blieb. Illegale Bars, sogenannte Speakeasys, schossen aus dem Boden. Der Name rührt daher, dass man leise sprechen musste, um nicht aufzufliegen. Die Qualität der Spirituosen sank drastisch, da viel gepanscht und schwarz gebrannt wurde. Um den Geschmack zu überdecken, wurden Cocktails süßer, fruchtiger, stärker gewürzt.
Gleichzeitig blühte die Cocktailkultur in Europa. In London, Paris und später auch in Havanna entstanden legendäre Bars. Harry MacElhone eröffnete Harry’s New York Bar in Paris, wo der Bloody Mary und der Sidecar entstanden sein sollen. In Havanna wurde das Hotel Nacional zum Treffpunkt für amerikanische Gäste, die dem Prohibitionsgesetz entkommen wollten. Der Daiquiri und der Mojito wurden dort populär.
1933 endete die Prohibition. Die amerikanische Barszene musste sich neu erfinden, doch viele Rezepte und Techniken waren in Vergessenheit geraten. Die folgenden Jahrzehnte waren von Vereinfachung und Kommerzialisierung geprägt.
Nachkriegszeit bis Tiki – 1940er bis 1970er
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die Trinkkultur erneut. In den USA dominierten einfache Highballs und Martinis, oft industriell vorgefertigt. Gleichzeitig entstand mit der Tiki-Bewegung eine eigene Welt exotischer Cocktails. Don the Beachcomber und Trader Vic schufen in Kalifornien Bars, die polynesische Ästhetik mit komplexen Rum-Cocktails verbanden. Drinks wie der Mai Tai, der Zombie oder der Navy Grog wurden Kult, auch wenn ihre Rezepte oft geheim blieben oder im Laufe der Zeit verfälscht wurden.
In Europa etablierte sich in den 1950er und 1960er Jahren eine gehobene Barkultur, vor allem in Hotels. Der Martini wurde zum Inbegriff von Eleganz, nicht zuletzt durch James Bond. Doch insgesamt verlor der Cocktail an Komplexität. Fertigmixe, künstliche Aromen und süße Liköre prägten das Bild. Erst in den 1980er Jahren begann eine Gegenbewegung.
Craft-Cocktail-Renaissance – ab den 1990ern
In den 1990er Jahren begannen einzelne Barkeeper, sich wieder mit den Klassikern zu beschäftigen. Dale DeGroff in New York gilt als einer der Pioniere dieser Bewegung. Er studierte alte Rezeptbücher, verwendete frische Säfte und hochwertige Spirituosen und brachte vergessene Drinks zurück auf die Karte. Zur gleichen Zeit entstand in London eine neue Generation von Bars, die Wert auf Handwerk und Qualität legten.
Mit dem Internet und der Digitalisierung verbreiteten sich Rezepte und Techniken schneller als je zuvor. Barkeeper tauschten sich international aus, Wettbewerbe und Festivals entstanden. Der Begriff Craft Cocktail etablierte sich als Gegenentwurf zur industriellen Massenware. Heute ist die Cocktailkultur global, vielfältig und technisch anspruchsvoll. Gleichzeitig bleibt der Bezug zur Geschichte zentral: Viele der meistgetrunkenen Cocktails sind über hundert Jahre alt.
Was davon in der Bar übrig ist
Die Geschichte des Cocktails ist keine lineare Erfolgsgeschichte. Sie ist geprägt von Brüchen, Verlusten und Wiederentdeckungen. Was wir heute mixen, ist oft eine Rekonstruktion, eine Interpretation oder eine bewusste Neuerfindung. Manche Rezepte sind verloren, andere wurden so oft verändert, dass das Original kaum noch erkennbar ist.
Doch einige Grundprinzipien haben sich gehalten: die Balance von süß, sauer, bitter und stark, die Bedeutung von Eis und Verdünnung, die Kunst der Präsentation. Und vor allem die Haltung, dass ein Cocktail mehr ist als die Summe seiner Zutaten. Er ist Handwerk, Gastfreundschaft und ein Stück Kulturgeschichte im Glas.
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Häufige Fragen
Wann wurde das Wort Cocktail zum ersten Mal definiert?
Die erste schriftliche Definition erschien 1806 in der Zeitung The Balance and Columbian Repository. Dort wurde ein Cocktail als Mischung aus Spirituose, Zucker, Wasser und Bitters beschrieben.
Warum heißt der Cocktail Cocktail?
Die Herkunft des Wortes ist ungeklärt. Es gibt viele Theorien, von Hahnenschwanzfedern über gemischte Pferderassen bis zum französischen Wort coquetier, doch keine lässt sich belegen.
Welches war das erste Barbuch?
Das erste umfassende Barbuch war How to Mix Drinks von Jerry Thomas, erschienen 1862. Es enthält Rezepte für Cocktails, Punches, Juleps und viele andere Mischgetränke.
Was war ein Cocktail ursprünglich?
Ursprünglich war ein Cocktail ein Morgentrunk aus Spirituose, Zucker, Wasser und Bitters. Er galt als belebend und wurde oft vor dem Frühstück getrunken.
Wie hat die Prohibition die Cocktailkultur verändert?
Die Prohibition zwang viele amerikanische Barkeeper zur Auswanderung, vor allem nach Europa. In den USA selbst wurden Cocktails in illegalen Bars oft süßer und fruchtiger gemixt, um minderwertige Spirituosen zu überdecken.
Wann begann die moderne Cocktail-Renaissance?
In den 1990er Jahren begannen Barkeeper wie Dale DeGroff in New York, sich wieder auf klassische Rezepte und hochwertige Zutaten zu konzentrieren. Diese Bewegung wird oft als Craft-Cocktail-Renaissance bezeichnet.
