Geschichte und Kultur

Bargeschichte – Die Geschichte des Jerry Thomas

Jerry Thomas gilt als der erste Celebrity-Barkeeper der Geschichte und als Vater der amerikanischen Bartender-Kultur. Mit seinem 1862 erschienenen Buch The Bon Vivant's Companion schuf er das erste gedruckte Cocktailbuch überhaupt und machte das Mixen von Drinks zu einer respektierten Profession. Sein Leben zwischen Goldgräberstädten, Luxushotels und Varietébühnen prägte das Image des Barkeepers als Künstler und Entertainer.

Vom Wanderbarkeeper zum Professor

Jeremiah P. Thomas wurde 1830 im Bundesstaat New York geboren und begann seine Karriere als junger Mann hinter der Bar. Anders als die meisten seiner Zeitgenossen blieb er nicht an einem Ort, sondern zog durch die aufstrebenden Städte Amerikas – von New York über New Orleans bis nach San Francisco, wo er während des Goldrauschs arbeitete. Diese Reisen brachten ihm nicht nur verschiedene Rezepturen und Techniken ein, sondern auch den Spitznamen Professor, den er sich durch sein Auftreten und seine Expertise verdiente.

Thomas verstand sich nicht als einfacher Schankkellner, sondern als Handwerker und Showman. Er trug teure Anzüge, pflegte einen eleganten Stil und inszenierte das Mixen als Performance. Besonders bekannt wurde er für seinen Blue Blazer, einen brennenden Drink, den er spektakulär zwischen zwei Bechern hin und her goss. Diese Theatralik machte ihn zur Attraktion in den Bars, in denen er arbeitete, und trug wesentlich dazu bei, dass der Beruf des Barkeepers gesellschaftlich aufgewertet wurde.

Das erste Cocktailbuch der Welt

1862 veröffentlichte Thomas How to Mix Drinks, or The Bon Vivant’s Companion – das erste Buch, das sich ausschließlich dem Mixen von Cocktails widmete. Es enthielt Rezepturen für Punches, Sours, Fizzes, Juleps und viele andere Kategorien, die bis heute das Fundament der Barkultur bilden. Das Buch war mehr als eine Rezeptsammlung: Es war ein Handbuch für professionelle Barkeeper, das Techniken, Zutaten und Standards definierte.

Die Veröffentlichung fiel in eine Zeit, in der Amerika seine eigene Trinkkultur entwickelte und sich von europäischen Vorbildern emanzipierte. Thomas‘ Buch dokumentierte diese Entwicklung und gab ihr gleichzeitig eine Richtung. Es erschien in mehreren überarbeiteten Auflagen, die letzte 1887, kurz vor seinem Tod. Heute gilt das Werk als historisches Dokument und als Startpunkt der modernen Cocktailkultur.

Leben zwischen Glanz und Geldnot

Trotz seines Ruhms und seiner Erfolge war Thomas‘ Leben von finanziellen Höhen und Tiefen geprägt. Er verdiente zeitweise beträchtliche Summen – angeblich bis zu 100 Dollar pro Woche, ein Vermögen für die damalige Zeit – und investierte in eigene Bars in New York. Doch mehrere seiner Unternehmungen scheiterten, und er verlor immer wieder Geld durch schlechte Geschäfte oder persönliche Rückschläge.

In seinen späten Jahren arbeitete Thomas wieder als angestellter Barkeeper, unter anderem in der berühmten Hoffman House Bar in New York. Er starb 1885 in bescheidenen Verhältnissen. Sein Einfluss auf die Barkultur aber überlebte ihn: Die Idee des Barkeepers als Fachmann, Künstler und Gastgeber, die er verkörperte, prägt das Selbstverständnis der Branche bis heute.

Was davon in der Bar übrig ist

Jerry Thomas‘ Vermächtnis ist in jeder gut geführten Bar spürbar. Viele klassische Cocktails, die heute auf Karten stehen – vom Martinez über den Tom Collins bis zum Whiskey Sour – sind in seinen Rezeptsammlungen dokumentiert. Seine Systematik, Drinks nach Kategorien zu ordnen und Techniken präzise zu beschreiben, ist zum Standard geworden.

Darüber hinaus hat Thomas das Berufsbild des Barkeepers nachhaltig geprägt. Die Vorstellung, dass hinter der Bar nicht nur geschenkt, sondern kreiert, präsentiert und unterhalten wird, geht direkt auf ihn zurück. In der Craft-Cocktail-Bewegung der letzten Jahrzehnte wurde Thomas wiederentdeckt und zum Vorbild stilisiert – als Symbol für Handwerk, Stolz und die Kunst des guten Drinks.

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Häufige Fragen

War Jerry Thomas wirklich der erste Barkeeper, der ein Buch schrieb?

Ja, sein 1862 erschienenes Buch gilt als das erste gedruckte Werk, das sich ausschließlich dem Mixen von Cocktails widmete. Es gab zuvor Rezeptsammlungen in allgemeinen Hauswirtschaftsbüchern, aber kein spezialisiertes Handbuch für Barkeeper.

Woher kommt der Spitzname Professor?

Der Spitzname entstand durch Thomas' professionelles Auftreten, sein Wissen und seine Fähigkeit, das Handwerk zu erklären und vorzuführen. Er wurde als Autorität in seinem Fach wahrgenommen, ähnlich einem Universitätsprofessor in der Wissenschaft.

Welche Drinks hat Jerry Thomas erfunden?

Eine direkte Erfindung lässt sich bei den meisten Drinks nicht nachweisen, da Rezepturen mündlich weitergegeben und variiert wurden. Thomas dokumentierte und popularisierte viele Cocktails, darunter frühe Versionen des Martinez und des Tom Collins. Der Blue Blazer wird oft mit ihm in Verbindung gebracht, ob er ihn erfand oder nur perfektionierte, ist unklar.

Warum ist Thomas heute wieder so bekannt?

Die Craft-Cocktail-Bewegung ab den 2000er-Jahren suchte nach historischen Wurzeln und Vorbildern. Thomas bot beides: fundierte Rezepturen und die Figur des stolzen, handwerklich arbeitenden Barkeepers. Sein Buch wurde neu aufgelegt und gilt als Gründungsdokument der modernen Barkultur.

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